Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

gesund

04.9.2005

Hauptsache gesund?

Nach WHO gilt als gesund, wer den Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens erreicht haT:

M.E. sind wir dann alle krank.! Die Vorstellung der WHO ist utopisch, unrealistisch und nährt völlig überzogene Erwartungen, z.B. den Gesundheitswahn.

Es gibt Menschen, die leben nicht mehr wirklich, sondern beugen nur noch vor. Hoffentlich sterben die nicht an ihrer Gesundheit. Was mich daran stört ist ihr ständiges Gesundheitsgeschwätz, ein missionarisches, pseudoreligiöses Geschwätz.

Was steckt dahinter? Die uralte Menschheitssehnsucht nach ewigem Leben, ewiger Glückseeligkeit. Das weckt die aberwitzige Hoffnung, nicht zu sterben, nur wenn ich etwas für die Gesundheit tue: „Wer stirbt hat selbst schuld!“

Und was passiert: Die Leute rennen in den Wald, ernähren sich von Kräutern und Körnern, kasteien sich mit Vorsorgemaßnahmen und sterben dennoch. Sie nehmen sich die Freude am Leben, berauben sich selbst und sterben dennoch.

Sie leben Gesundheit fast wie eine Religion: Gesundheitspäpste, Fasten, Wallfahrten zu Gesundheitszentren, inbrünstig verteidigte Irrlehren kleiner verschworener Gemeinschaften, Fitnessgurus und Medien, die manchmal völlig unkritisch den Unsinn nachplappern, die letzten 50 Jahre seien wir nur irrtümlich der Meinung gewesen, gesund zu sein. Und per Stimmzettel und Wahlurne sind bei der Bundestagswahl nun auch noch die Gesundheit und zugleich der Prophet und Hersteller heilbringender Produkte - warum eigentlich nicht auf Kassenrezept? - wählbar. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Eine monströse, mächtige und zudem teure, sehr teure Gesundheitsreligion, die es nicht verträgt, mit ihr zu scherzen. Nur wer gesund ist, ist Mensch. Und der Kranke?

Nur den Politikern ist diese heilige Kuh suspekt, kein Wunder, würde doch bei maximaler Diagnostik und Therapie das Gesundheitssystem einen finanziellen Kollaps erleiden. Also plädiert man für „alles medizinisch Notwendige“ um weiter gewählt zu werden und spielt schwarzer Peter mit den anderen, die verdächtig, die schuld sind: die Pharmaindustrie, die Apotheker, die Ärzte, die Krankenhäuser, die Kassen. Vermißt habe ich bei den Schuldigen und Verdächtigen den Patienten. Hätte der nicht…?

Aber nein, es will keiner wissen, dass gesundheitsbewußtes Verhalten, dass Prävention den Staat wirtschaftlich entlastet. Wer mit 45 an einem Karzinom verstirbt, kostet die Solidargemeinschaft vermutlich weniger, als ein anderer, der all die teuren Alterskrankheiten, die Pflegeversicherung und auch noch die Rente in Anspruch nimmt.

Ich werde den Verdacht nicht los, hier sollen wir durch die Politik eine neue Staatsreligion erhalten: Wir sollen gezwungen werden, gesund zu leben. Gesundheit qua Verordnung, dabei weiß doch jeder von dem Bonmot: Wer gesund ist, ist nur nicht gründlich genug untersucht worden

Und ich befürchte, die durch ein Bonus- Malus-System der Krankenkassen unterstütze Gesundbeterei wird in einem Desaster enden, wenn denn ach diesen doch so gesundheitsbeflissenen Menschen eines Tages gesagt werden muß: Sie haben Krebs. Aus der Traum von der verordneten Gesundheit und zurück zur Normalität: Ob einer gesund und alt oder krank wird, darüber entscheiden mehr die Gene und das Schicksal und weniger am Fließband produzierte Politikerreden. Gesundheit verordnen geht eben nicht und Gesundheit herstellen, sie zwanghaft herbeizuleben genauso wenig.

Unser lebenslustfähige Zeitraum beträgt nach Abzug aller Defizite wie Behinderung, Alter, Krankheit, Schmerzen, Leiden und Sterben ohnehin weniger als wir vermuten: Rund 10 Jahre! Carpe diem - nutzen wir den Tag!

Auf der Basis eines Interviews von Manfred Lütz, Arzt und Theologe. 02.09.2005 - Wolfhard D. Frost



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