Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
E-Mail: info@prostata-sh.info

PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Prostatakrebs und Freies Testosteron

23.1.2006

Testosteron ist das beim Mann wichtigste Geschlechtshormon, ein Androgen. Die testikuläre Produktion liegt bei 5 - 7 mg pro Tag bei einer Halbwertzeit von nur einigen Minuten. Fragen nach einem möglichen Zusammenhang zwischen Serum-Androgenspiegeln und dem Risiko für Prostatakrebs veranlassen uns zu Testosteronmessungen. Wir gehen davon aus, das die Effizienz einer androgen-suppressiven Behandlung u.a. durch entsprechende T-Serum-Untersuchungen beurteilt werdenb kann.

In der Zirkulation liegt Testosteron zu ca. 2 % in freier (ungebundener) Form vor, ca. 60 % werden an das Sexualhormon-bindende Globulin (SHBG) und ca. 38 % an das Albumin gebunden transportiert, wobei Albumin eine etwa 1000-fach geringere Affinität zum Testosteron aufweist als SHBG; also eine etwas lockere Bindung. Eine noch geringere Bindung erfolgt zudem an das Cortisol-bindende Globulin (CBG). Nur die Summe aus freiem und nicht-SHBG-gebundenem Testosteron gilt als sogenannte bioverfügbare Fraktion.

Um Wirkung auszuüben, muß Testosteron in die Zielzelle gelangen. Man geht davon aus, daß dies überwiegend per Diffusion geschieht. Hierfür muß Testosteron allerdings in freier, ungebundener Form vorliegen. Das Gesamt-T ist aufgrund des Anstiegs von Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG) im Alter von mäßigem Wert. Außerdem ist es wegen der Bindung hormoninaktiv. Als biologische Wirksubstanz kommen lediglich der freie und der locker an Albumin gebundene Anteil zum Tragen.

Die Labor-Kits sind für das Messen von freiem T unbrauchbar. Testkits zur direkten Messung des freien Serum-Testosterons sind zwar seit relativ langer Zeit erhältlich, allerdings war bislang die Reproduzierbarkeit (vor allem im niedrigen Konzentrationsbereich) recht unbefriedigend.

Spätestens ab jetzt bewegt uns die Frage: Wenn wir denn Testosteron messen, welches Testosteron (T) sollen wir messen und wie?

Geht man der Meinung von Spezialisten nach, ist das Berechnen von freiem T die bevorzugte Methode.
Grundsätzlich gibt es dazu zwei Ansätze:
Die Konzentration des SHGB kann benutzt werden, um den " Free Androgen Index (FAI) zu berechnen:
FAI =Total Testosteron (nmo/L)/SHBG (nmol/L) * 100

Das errechnete freie T hat jedoch mehr Bedeutung. Die Berechnung des freien Testosterons kann man mittels der Formel von SODERGARD berechnen. Notwendig dafür sind das Gesamt-T, SHBG, Albumin und eine Formel.

Einfacher geht das allerdings, wenn man die Berechnung über die Homepage

http://www.issam.ch

vornimmt. Hier ist unter der Rubrik „Tools“ ein Schema , ein Kalkulationsblatt programmiert, mit dessen Hilfe recht leicht das freie Testosteron zu berechnen ist (allerdings englischsprachig).

Die freie und Albumin-gebundene Fraktion gelten dabei als bioverfügbar (BAT). BAT wird in der Formel nach dem Massenwirkungsgesetz aus T und SHBG berechnet, unter den weitgehend gerechtfertigten Annahmen einer normalen (konstanten) Albuminkonzentration, allgemein gültigen Assoziationskonstanten, intaktem SHBG (Bindungsverhalten = immunologische Aktivität) und Vernachlässigung anderer Bindungsproteine.

Der Referenzwert für freies Testosteron bei Männern beträgt Labortabellen zufolge:
80-280 pg/ml in einer anderen Tabelle habe ich andere Werte gefunden:
10 - 45 pg/ml
(Ich vermute, die Autoren haben unterschiedliche Dimensionen verwendet oder was wohl weniger in Betracht kommt falsch umgerechnet)

Einer Studie zufolge, von der mir nur ein Abstrakt vorliegt, erhöhen frei zirkulierende Androgene nicht das Risiko für ein Prostatakarzinom und stimulieren nicht die Entwicklung noch das Wachstum dieses Tumors.
Stattin P et al: High levels of circulating testosterone are not associated with increased prostate cancer risk: A pooled prospective study. Int J Cancer 108 (2004): 418–24.

Tabelle:
altersbezogene Werte einer Untersuchungsgruppe in Wien

 

altersbezogene Werte einer Untersuchungsgruppe in Wien

G. Schatzl et al.

 

Alter

Testosteron ng/ml

Freies Testosteron

pg/ml

 

Östroradiol

pg/ml

 

DHEAS

g/ml

40 - 49

2,7 - 5,7

10,7 - 19,3

21,8 - 47,4

1,7 - 3,7

50 - 59

2,6 - 5,4

8,9 - 15,7

26,2 - 43,4

1,3 - 3,4

60 - 69

2,4 - 5,4

7,2 - 15,0

28,2 - 48,3

0,6 - 1,9

70 - 89

2,3 - 5,1

6,1 - 11,5

28,4 - 48,4

0,2 - 1,4

 

Ergänzung:
In einem Expertenforum (Lifeline, Experte Hakenberg) wurden folgende Informationen bereitgestellt:
Das Verhältnis von freiem zu Gesamttestosteron beträgt im Normalfall 2%/98%. Der Anteil des freien Testosterons ist also sehr gering.

Unter LHRH-Therpapie kommt es zu einem Absinken der Testosteronproduktion. Die im Körper vorhandene Gesamtmenge sinkt. Das Verhältnis von freiem zu gebundenem Testosteron wird dadurch nicht verändert und bleibt unbeeinflusst.

Das gilt nicht bei einer Östrogentherapie. Hier verschiebt sich das Verhältnis zwischen freiem und gebundenem Testosteron, weil Östrogen und Testosteron wegen ihrer ähnlichen Strukturen um die gleichen Bindungsstellen konkurrieren.

Eine spanische Arbeitsgruppe aus Barcelona ist dieser Frage in 2005 erstmals nachgegangen. Dabei wurde festgestellt, daß das sogenannte Kastrationsniveau (Hormonwert, der unter LHRH-Therapie erreicht werden soll) für Gesamttestosteron bei 5 ng/ml liegt und für das freie Testosteron bei 1,7 pg/ml. Die Autoren fanden aber auch heraus, unter langfristiger Hormontherapie verschieben sich die vorgenannten Werte und Verhältnisse; 14% der Patienten hatten das Kastrationhsniveau im Gesamttestosteronbereich überschritten. Von diesen 14% hatten etliche trotzdem Werte des freien Testosterons unter dem Kastrationsniveau.

Welche Schlüsse daraus zu ziehen sind, ist noch unklar.

Januar 2006



Zurück