Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

punktuell - lokal - systemisch

22.5.2006

Im Rahmen einer Forumsdiskussion habe ich die Begriffe punktuell, lokal und systemisch verwendet. Das führte offenbar zu Irritationen, die ich mit diesem Beitrag gern bereinigen möchte - mit meinen laienhaften Möglichkeiten und Worten des Nichtmediziniers. Es geht in erster Linie um den Zeitraum nach der Ersttherapie, also um die Nachsorge.

Punktuell heißt bei mir nicht lokal. Eine lokale Situation wäre typischerweise das Vorliegen eines Lokalrezidiv nach einer RPE. Eine punktuelle Betrachtung des Krankheitsbildes liegt nach meiner Überlegung dann vor, wenn der Betroffene fixiert ist auf den PSA-Wert. Es ist immer wieder zu beobachten und zu erleben: "Wie hoch ist dein PSA?" lautet bei der Begrüßung zweier Betroffener die erste Frage. Auch wenn mehr und mehr Betroffene und Beteiligte und Angehörige um die Wichtigkeit der PSA-Veränderung wissen, es bleibt insgesamt recht häufig allein bei der Frage nach der absoluten Höhe des PSA und weniger: Steigt oder fällt er? Geht es steil aufwärts oder bleibt der PSA-Wert weitgehend konstant? Frage ich dann gezielt nach der Veränderung, wird die Datenlage, das Erinnerungsvermögen, schlagartig dünn, sehr dünn. Manchmal meine ich, nicht der PK wird therapiert sondern mehr der PSA-Wert, eine wie ich meine fatale, punktuelle Betrachtungsweise.

Ich muß, wenn ich die Veränderungen des PSA-Wertes begreifen möchte, mehr in meinen Körper hineinhorchen, mehr meinen Körper und die Krankheit begreifen lernen: Z.B. den PSA-Anstieg absichern, d.h. festzustellen, ob der PSA Wert nachhaltig und kontinuierlich steigt. Es könnte sich ja auch um einen nur vorübergehenden kurzzeitigen Anstieg z.B. aufgrund einer Entzündlichkeit handeln, denn, so sagt Prof. Lothar Weißbach:

"Noch Jahre nach RP können mikroskopische Drüsenreste am Apex bzw. am Blasenhals – und hier insbesondere nach Operationsverfahren mit dem Ziel der Erhaltung – zu einem langsamen PSA-Anstieg führen."

Viele Betroffene geraten jedoch in Panik und vermuten schlimmeres. Oder ein anderes Beispiel: Aufgrund des niedrigen PSA-Wertes wiegt sich ein Mann in Sicherheit. Dennoch ist der PK schon weit fortgeschritten, weil nicht beachtet wurde: Ein Tumor mit niedrigem PSA bei hohem Gleason-Score. ist verdächtig, denn ein Tumor mit hohem Gleasonwert produziert wenig PSA! Vor Kurzen mußten wir zur Beerdigung.

Systemisch - Zunächst einmal drei Sätze/Vorüberlegungen: Wir Menschen entsprechen nicht physikalischen Gesetzmäßigkeiten, wir sind (fast) unberechenbare Biologie. Das Prostatakarzinom ist nach Meinung von Experten bereits zum Zeitpunkt der Diagnose tumorbiologisch eine heterogene Erkrankung mit hormonabhängigen und hormon-un-abhängigen Tumorzellen. Und eine weitere Expertenmeinung: Epitheliale Tumore geben viel früher als allgemein angenommen epitheliale Tumorzellen in den Blutkreislauf ab, d.h. verlassen viel früher als allgemein angenommen das lokale Geschehen.

Wenn ich von systemisch spreche, dann meine ich, es geht um mehrere Werte, um Vorgänge, die sich im ganzen Körper abspielen: Bedeutungsvoll ist bei der Nachsorge z.B. das Verhalten des Testosterons. Steigt Testosteron, fällt Testosteron, steigt PSA und fällt gleichzeitig Testosteron? Was ist daraus zu schließen? Ein Experte in dem Zusammenhang:

"Von einem androgenunabhängigen (hormonunsensiblen, hormonrefraktärem, hormontauben) Tumor kann erst dann gesprochen werden, wenn durch gleichzeitiger Bestimmung des PSA und des Testosterones (das sollte unter 0,2 besser noch niedriger sein) ein weiterer PSA-Anstieg nachgewiesen wird. Es könnte aber auch sein, dass die Hormonblockade(ADT) nicht optimal ist."

Weitere Fragen: Wie ist der LH Wert? Wie ist die Knochendichte z.B. während und nach einer Hormonentzugstherapie? Wie verändert sich der AP Wert?

Weitere Beispiele, Hinweise, Bemerkungen von Experten, hier jetzt Urologe Dr. Eichhorn:

"Abgeklärungsbedürftig ist auch, wenn der Testosteronwert niedrig und LH hoch. Das Alter ist zu berücksichtigen. PSA Schwankungen sind schwer zu interpretieren, eine antibakterielle Therapie ist nicht immer die Lösung, denn eine chronische Prostataitis spricht auf Antibiotika nicht an jedoch auf Diclofenac, Aspirin oder Antipflogistika."

Zitat Professor Bonkhoff zum Androenentzug: "Ein Prostatakarzinom z.B. in der Samenblase oder im Lymphknoten spricht auf den Androgenentzug nicht so stark an wie ein Pca in der Prostata."
Oder die Empfehlung von Dr. Strum aus den USA: "Achtet auf die Biologie". Und das hört bei PSA nicht auf. Dazu gehören CEA, CGA, NSE (ändern sich nach Bestrahlung jedoch nur noch selten), dazu gehören auch Wie verändern sich Blutwerte z.B. LDL und HDL, Insulin kontrollieren, ebenso die Leberwerte!

Wer mehr dazu lesen möchte (ich kann es empfehlen) sollte sich das auch für Laien verständliche Buch anschaffen: Ein Ratgeber zum Prostatakrebs - Näheres zur Bezugsquelle auf der Homepage des Bundesverbandes Prostatakrebs e.V. BPS.

Es gibt noch andere Werte, Anzeichen, die Beachtung finden sollen, müssen und deren Reihenfolge oder Wichtigkeit ich gar nicht darstellen kann. Die Meinung von Frau Dr. Hübner, Habichtswaldklinik Kassel, scheint mir jedoch gut zu passen:

"Insbesondere hochdosierte NE verschieben u.U. wichtige Immunfunktionen zum Schaden des Patienten (nachteilig). Vitamine und Spurenelemente sind zum Teil in der Lage, die Wirksamkeit von Chemotherapiemitteln oder einer Bestrahlung negativ zu beeinflussen"
.

Mein guter Urologe, der z.B. meine Krankheit begleitet, fragt ehe er zum Rezeptblock greift, diese Werte ab. Erst diese Bündel an Informationen, manchmal von dem einen oder anderen "Experten" als nicht erforderlich oder nicht so wichtig abgetan, wird uns mehr über den Verlauf unserer Krankheit sagen und früher als bei alleiniger PSA-Betrachtung (punktueller Sichtweise) signalisieren: Da tut sich was! Reagiere!

Mai 2006
WDF



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