Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Prostatakrebs und Übergewicht

31.5.2007

Überlebensvorteil Übergewicht?
oder
Wie eine verquere Diskussion um das optimale Gewicht die Leute verwirrt

"Der hat wenigstens etwas zuzusetzen", sagt der Volksmund gern, wenn jemand "kräftig gebaut" ist. Was nichts anderes heißen soll, als: Den haut nicht jede Krankheit um. Und deutsche Politiker, ohnehin nicht immer mit üppiger Weitsicht ausgestattet - betrachtet man die Reformbemühungen der letzten Jahrzehnte-, haben jetzt dem Übergewicht den Kampf angesagt. Das ruft Skeptiker auf den Plan: Ein bisschen Speck auf den Hüften macht doch nichts. Im Gegenteil! Das sei sogar die beste Lebensversicherung.

Das muss man(n) differenzierter betrachten. Unter Experten gesteht Konsenz: Wer adipös ist, also einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 kg/m2 hat, stirbt früher als ein normalgewichtiger Mensch. Doch für Übergewichtige (BMI zwischen 25 und 30) fehlen für diese Behauptung der Nachweis. Es gibt dazu keine guten, keine belastbaren Daten. Zwar hat eine Analyse von US-Mortalitätsdaten ergeben, dass Übergewichtige mit einem BMI von 25 bis 30 bei den Sterbefällen im Vergleich zu Normalgewichtigen und Adipösen unterrepräsentiert sind. Danach lassen sich durch leichtes Übergewicht in den USA rein statistisch sogar 86 000 Todesfälle pro Jahr vermeiden (JAMA 293, 2005, 1861).

Vorsicht ist geboten, wenn man das verbreitet: Analysiert wurde der BMI nämlich zum Todeszeitpunkt. Und da klickt es bei uns, wissen wir doch: Durch eine chronische Krankheit wie Krebs kann der BMI in den Monaten vor dem Tod deutlich gesunken sein. Personen, die zeitlebens einen erhöhten BMI hatten, werden plötzlich normalgewichtig. Und ausserdem: Eine seit 1963 laufende Studie bei mehr als 10.000 israelischen Männern über 40 Jahren bestätigte, dass zumindest ein leicht erhöhter BMI zwischen 25 und 27 kg/m2 mit einer hohen Lebenserwartung einhergeht. 48 Prozent dieser Männer lebten länger als 80 Jahre, fast jeder Vierte wurde über 85.

Patienten mit Übergewicht leben länger

Die Frage ist also berechtigt: Helfen Fettpolster, bestimmte Krankheiten besser zu überstehen als Schlanke es können? Es gibt tatsächlich Daten, die das belegen: Das HELUMA (Heidelberg, Ludwigshafen, Mannheim)-Register mit 2600 Herzinsuffizienz-Patienten verfügt über Daten mit Hinweisen, dass über 65-Jährige mit einem BMI von über 35 kg/m2 bessere Überlebenschancen hatten als Normalgewichtige. Und von Tumor- und Aids-Patienten ist bekannt, dass dicke Patienten eine bessere Prognose haben. Auch bei COPD (das sind chronische Lungenkrankheiten und Bronchitis) ist Übergewicht günstig. Denn die Patienten haben aufgrund der vermehrten Atemarbeit einen erhöhten Energiebedarf. Der Fürther Pneumologe Professor Heinrich Worth empfiehlt deshalb, bei COPD-Patienten einen BMI von mindestens 25 kg/m2 anzustreben. Bereits unter 21 kg/m2 liege Untergewicht vor.

Und jetzt kommt’s: Wer jedoch gesund ist, für den hat Übergewicht offenbar keinen Vorteil, ganz im Gegenteil, es schadet sogar! So haben 75 Prozent der Adipösen eine Fettleber. "Gesunde" Dicke bekommen 1,5- bis 1,9-mal häufiger Nierensteine (JAMA 293, 2005, 455), 1,4-mal häufiger Gonarthrose, ganz zu schweigen von metabolischen und kardiovaskulären Erkrankungen. Vor allem ungünstig ist es, wenn das Übergewicht durch zu viel Fett im Bauch zustande kommt. Denn Bauchfett wird inzwischen als endokrines Organ angesehen, das Entzündungsmediatoren produziert, die Gefäße und Gelenke schädigen sowie Stoffwechselprozesse beeinträchtigen.

Solche Aussagen, nein Feststellungen, die werden nicht gern gehört. Der Publizist und Lebensmittelchemiker Dr. Udo Pollmer argumentiert regelmäßig gegen das Abnehmen - nicht zuletzt mit den Daten der US-Mortalitäts-Analyse. Seine Botschaften, wie jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", kommen an: "Mein Körper ist meine Natur." "Die höchste Sterblichkeit haben nicht die Fetten, sondern die Dürren."

Das ist Musik für Dicke. Das bestätigt auch der Internist Professor Alfred Wirth aus Bad Rothenfelde. Er zitiert eine Umfrage, wonach zwei Drittel der deutschen Männer stolz auf ihren Bauch sind. Durch Äußerungen selbst ernannter Experten fühle man sich bestätigt, sagt Wirth. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. "In den vergangenen Jahrzehnten sind etwa 20 Studien mit einem klaren Zusammenhang zwischen hohem BMI und erhöhter Sterberate erschienen und vielleicht zwei oder drei, die das nicht zeigen", so Wirth. Der Zusammenhang zwischen BMI und bestimmten Erkrankungen ist jedenfalls komplexer als von vielen angenommen.

Ein Beispiel: Wer übergewichtig oder adipös ist, bekommt eher eine Herzinsuffizienz. Aber: Ob jedoch ein dicker Herzinsuffizienz-Patient von der Gewichtsreduktion profitieren würde, ist völlig ungeklärt. Zudem haben Herzinsuffizienz-Patienten häufig Ödeme, wodurch Übergewicht nicht immer eine normale Körperzusammensetzung widerspiegelt.

Der vielbemühte und beschworene BMI ist allein nicht aussagekräftig genug Er sagt nichts über den Anteil des Risikofaktors viszerales Fett oder über den Anteil der Muskelmasse aus. Näheren Aufschluss können künftig nur Langzeitstudien geben, die Zusammenhänge zwischen viszeralem Fett (Bauchumfang) und Krankheitsprognose herstellen oder die Körperzusammensetzung per elektrischer Bioimpedanzmessung bestimmen. (WDF auf der Basis eines Artikels von Th. Meissner, Ärztezeitung)

Mai 2007

Ergänzung:

Es kristallisiert sich zusehends heraus, dass übergewichtige Menschen öfter an Krebs erkranken. Neue Studien weisen stark darauf hin.  Forscher der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) haben demnach errechnet, dass Übergewicht und Fettleibigkeit an der Entstehung von 17 der 22 häufigsten Krebserkrankungen beteiligt sind. In Großbritannien sind diese Faktoren gemäß der Studie für 43 Prozent der Tumore der Gebärmutter und für mindestens 10 Prozent der Tumore in Gallenblase, Niere, Leber und Dickdarm verantwortlich.

Kaum erforscht ist, warum fettleibige Männer häufiger an einem aggressiven Prostatakrebs erkranken und Übergewicht bei Darmkrebs die Heilungschancen vermindert. Es gebe Hinweise, dass hier das Zuckerhormon Insulin oder Insulin-ähnliche Hormone eine Rolle spielen könnten, so ein Experte. "Denn Insulin ist ein Wachstumsfaktor - auch für Tumore, und Menschen mit Diabetes oder dessen Vorstufen haben deutlich erhöhte Insulinspiegel."

Quelle The Lancet Oncology (abstract)

03.04.2015 WDF



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