Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Neuroendokriner Tumor

28.2.2012

Wenig differenzierte neuroendokrine Karzinome können sich nach einer Langzeithormontherapie eines Prostatakarzinoms entwickeln. Das neuroendokrine Karzinom entwickelt i.d.R. wenig PSA (niedriger PSA-Wert), das gilt auch bei großer Tumormasse.

siehe auch NE-Status
siehe auch Neuroendokrine Differenzierung
siehe auch CGA

Prof. Bonkhoff, Pathologe aus Berlin, äußerte sich in etwa wie folgt:

Fast alle gewöhnlichen Adenokarzinome der Prostata ....werden meist nicht erkannt und sind erst immunhistochemisch nachweisbar. Das Ausmass der NE-Differenzierung nimmt im Rahmen der Tumorprogression und bei der Entstehung der Androgenresistenz (hormonunsensibel) kontinuierlich zu.

Etwa 10 Prozent aller gewöhnlichen Prostatakarzinome zeigen eine ausgedehnte und multifokale (mehrere Tumorherde) NE-Differenzierung.

....bilden die NE-Tumorzellen ....Wachstumsfaktoren mit mitogenen Eigenschaften (Anmerkung vereinfacht gesagt "mit stimulierenden Eigenschaften")

z.B. Bombesin

( Anmerkung: Das Wachstum bösartiger Tumore wird durch autokrine Wachstumsfaktoren wie Bombesin beeinflußt, vermutlich über den Epidermal Growth Factor-Rezeptor, EGF-R. Bombesin selbst ist ein aus 14 Aminosäuren bestehendes Neuropeptid, welches verschiedene physiologische Vorgänge wie beispielsweise die Hormonfreisetzung steuert. Bombesin ist an der Bildung von Brust- und Prostatakrebs beteiligt.

Das Vorhandensein von DHT bzw. Bombesin führt zu einer 4-Fach-Erhöhung der NEP-Expression, d.h. der neuroendokrinen Vermehrung)

...die die Proliferationsaktivität (Wachstum) in den angrenzenden, exokrinen Tumorzellen aufrechterhalten. Dabei verlieren diese Zellen ihren Androgenrezeptor und werden resistent gegen den programmierten Zelltod.

 

 

 

 

 

Was bedeutet das für unseren weiteren Kranheitsverlauf?

1. Nahezu alle prostatischen Adenokarzinome zeigen eine NE-Differenzierung
2. NE- (Chr-A-positive) Prostatakrebszellen fehlt durchweg der Androgenrezeptor, sie sind androgenunempfindlich.
3. NE- (Chr-A-positive) Prostatakrebszellen sind üblicherweise resistent gegen Bestrahlung und Zytotoxika.
4. NE-Tumorzellen entgehen auch dem programmierten Zelltod, sie sind unsterblich.
5. Die meisten dieser Tumore entwickeln ausgedehnte Metastasierung an ungewöhnlichen Stellen wie der Leber, weichem Gewebe und dem Magen-Darm-Trakt, ohne dass dies mit einem Anstieg des Serum-PSAs einherginge.
6. NE-Tumorzellen entwickeln sich über einen Prozess der Zwischendifferenzierung aus exokrinen (PSA-positiven) Tumorzellen, hervorgerufen durch Androgenentzug. Jüngere Studien weisen darauf hin, dass durch Wiederzuführen von Androgenen diese Entwicklung umgekehrt werden kann (Somatostatin).
7. NE-Tumorzellen mit kleinzelliger Histologie sind sehr aggressive, entwicklen kein PSA, sind androgenunempfindlich, haben eine hohe Zellteilungsaktivität und damit eine schlechte Prognose. Chemotherapie ist der nächste Schritt unter Einsatz von Platinderrivaten.

Was lernen wir daraus?
Wir müssen eher als bisher die neuroendokrinen Serumsmarkern in ihrem Verlauf kontrollieren, und zwar die Patienten, die sich unter Androgenentzug befinden. Das Verfolgen der Chr-A- und NSE-Spiegel im Serum könnte dazu beitragen, Frühstadien dieser aggressiven Tumorentwicklung zu erkennen.

aus einer anderen Arbeit:
....Die NE-Zellen werden vorzugsweise durch ihre Sekretionsprodukte, Rezeptoren und Marker definiert und charakterisiert. Die wichtigsten Produkte dieser Zellen, gleichzeitig histopathologische Marker, sind:

- Chromogranin A (CgA); daneben auch Chromogranin B (CgB) und Sekretogranin
- Neuronen-spezifische Enolase (NSE)
- Serotonin/5-Hydroxytryptamin (5-HT)
- Calcitonin (CT) und Calcitonin-Gene related polypeptide (CGRP)
- Somatostatin (ST); gelegentlich werden auch Motilin und Neurotensin aufgeführt
- Bombesin/Gastrin Releasing Peptide (GRP).

aus der gleichen Arbeit (Uni Marburg):
Eine systematische Studie von Angelsen et al (1997) über das Vorkommen neuroendokriner Prostatazellen belegt, dass sie (NE-Zellen) den meisten Labortieren, wie Ratten, Katzen, Hunde und Meerschweinchen fehlen und damit als experimentelle Modelle nicht in Frage kommen. Zur Untersuchung des neuroendokrinen Potentials von unterschiedlichen Prostatatumorstadien können gut etablierte Prostatazelllinien dienen, an denen Androgenabhängige oder Androgen-unabhängige Stadien in vitro simuliert werden können. Zellen eines humanen Prostataprimärtumors sind nur mit Schwierigkeiten außerhalb ihres Wirts zu halten. Für die vom Patienten entnommenen Tumorzellen stellen Nackt-Mäuse keine befriedigende Umgebung dar.

Oktober 2007/aktualisiert im Februar 2012/aktualisiert November 2013

Ergänzung im August 2014

Der Strahlenexperte schrieb im BPS-Forum:

Ein grundsätzliches Problem ist was man unter "neuroendokrine Tumoren" versteht.
Es gibt langsam wachsende neuroendokrine Tumoren (oft aus dem Magen-Darm-Bereich). Diese metastasieren gerne in der Leber, wachsen aber extrem langsam, so dass Patienten mit Metastasen sogar Jahrzehnte leben können. Aufgrund dieses sehr langsamen Wachstums sind diese Tumoren mit den üblichen Dosen von Bestrahlung, die man im Bauchbereich geben kann, schlecht zu kontrollieren. Solche Tumoren gibt es in der Prostata extremst selten.


Es gibt aber auch die häufigeren, schnell wachsenden neuroendokrinen Tumoren. Dazu zählen z.B. das Merkelzellkarzinom oder das kleinzellige Bronchialkarzinom. Solche schnell wachsende neuroendokrine Tumoren gibt's auch in der Prostata ab und zu. Diese Tumoren sind strahensensibel und mit den üblichen Dosen an Bestrahlung gut zu heilen. Als Beispiel: Radiochemiotherapie bei kleinzelligen Bronchialkarzinomen mit 45 Gy führt zu sehr guter lokaler Kontrolle.


Das Problem bei den schnell wachsenden neuroendokrinen Tumoren ist, dass diese gerne metastasieren und daher schnell zum Tode führen können. Deswegen leben z.B. mit kleinzelligen Bronchialkarzinomen und Metastasen ausserhalb des Brustkorbes im Schnitt weniger als 1 Jahr.

Quelle: Strahlentherapeut im BPS-Forum

August 2014 WDF

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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