Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Prostatektomie und Samenblasen

08.7.2008

PSA - Rezidiv nach radikaler Prostatektomie
Welche Bedeutung haben die Samenblasen?

Text von Dr. F.Eichhorn, Urologe aus Bad Reichenhall

30 – 50% der Patienten bekommen ein PSA-Rezidiv nach radikaler Prostatektomie. In einer sehr schönen Studie haben Witherspoon et.al. 1997 festgestellt, dass der 1. PSA-Wert 6 Wochen nach radikaler Prostatektomie sehr genau Auskunft darüber gibt, ob sich ein PSA-Rezidiv entwickelt. Ist PSA <0,01ng/ml entwickelt sich extrem selten ein PSA-Rezidiv, bei PSA-Werten zwischen 0,01 und 0,02ng/ml selten, bei PSA-Werten > 0,02ng/ml ansteigend fast immer.

Es gibt also einen PSA-Graubereich, bei dem Patienten und Betreuer nicht wissen, wie sie weiter vorgehen sollen. Die Operationstechnik der radikalen Prostatektomie ist nicht standardisiert. Es gibt viele verschiedene Varianten, z.B. offen oder minimal-invasiv (laparoskopisch) mit und ohne Lymphknotenentfernung, nervschonend etc. Insbesondere gibt es keine einheitliche Auffassung darüber ob die Samenblasen mit entfernt werden müssen. Es gibt Chirurgen die bewußt Samenblasenanteile zurücklassen, um feinste für die Erektion wichtige Nervenfasern zu schonen.

Ich möchte im Folgenden auf eine Kasuistik von Dr. M.P. O’Leary, Boston eingehen (siehe Literatur). Bei einem 53jährigen Patienten wurde im Jahr 2000 ein Prostata-Karzinom diagnostiziert (bPSA 4,8ng/ml). Anschl. radikale Prostatektomie (pT2cN0M0 Gleason 4+3=7). Schnittränder negativ. 6 Wochen postoperativ PSA 0,02ng/ml. Daraus entwickelte sich die Frage, ob alle Krebszellen entfernt wurden oder ob mit einem PSA-Rezidiv zu rechnen ist.

Folgende Behandlungsoptionen wurden diskutiert:

- Adjuvante Strahlentherapie,
- Transrektale Biopsie
- Beobachtung
- Start Androgenentzugstherapie.

Man hat sich zunächst dazu entschlossen, eine endorektale Kernspinuntersuchung machen zu lassen und dabei festgestellt, dass auf beiden Seiten Samenblasenreste nachweisbar waren. Nach den Erfahrungen der Kollegen in Boston ist zu vermuten, dass Samenblasen in der Lage sind PSA zu produzieren.

Zusätzlich führt bei einem Teil der Patienten das Belassen von Samenblasenresten offensichtlich zu Schmerzen beim Orgasmus.

In einer Arbeit aus der Universitätsklinik Zürich wurden 6 Wochen nach radikaler Prostatektomie unter Belassung von Samenblasenanteilen PSA-Werte um 0,04ng/ml, nach 30 Monaten 0,17ng/ml gemessen. Diese PSA-Werte sind sicherlich nicht hoch, aber sie können die Männer nach radikaler Prostatektomie erheblich verunsichern.

Möglicherweise wird wegen zurückgelassener Samenblasenanteile unnötig oft bestrahlt oder sogar unnötig eine Androgenentzugstherapie eingeleitet . Es sollte vor einer Strahlentherapie oder einer Androgenentzugstherapie bei postoperativ etwas erhöhtem PSA (also >0,01ng/ml) auf jeden Fall mittels endorektaler Kernspinuntersuchung abgeklärt werden, ob Samenblasenreste, vielleicht auch Prostatareste, vorhanden sind.

Juli 2008



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