Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Winziges Prostatakarzinom

01.11.2010

Auszug aus einem Text von Prof. Bonkhoff, Berlin:

Bei der verbesserten PSA Diagnostik bleibt es freilich nicht aus, dass in Stanzbiopsien immer häufiger winzige Herde (kleinergleich 1mm) eines Prostatakarzinoms erfasst und durch die verbesserte pathologische Diagnostik auch als zweifelsfreie Karzinome diagnostiziert werden. Die Annahme, diese winzigen Karzinomherde seien in der Regel unbedeutend oder hätten ein geringes Risiko, ist falsch. Entscheidend ist hier der Gleason Grad. Bei einem Gleason 4+3 oder 4+4 oder (meine Anmerkung: oder sogar schon 4+5) kann man kaum von einer insignifikanten Erkrankung ausgehen. Liegt dagegen ein Gleason 3+3 vor, dann kann eine definitive Therapie mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.

Eine Sextantenbiopsie im Stadium T1c (kein Tastbefund) gewährleistet keine ausreichende Sicherheit, dass ein relevantes und therapiebedürftiges Prostatakarzinom nicht vorhanden ist.

Die entscheidende Frage bei der Diagnose eines Prostatakarzinoms lautet: wie hoch ist der Anteil (%) der primären Gleason 4 und 5 am erfassten Tumorgewebe? Kleine Herde von aggressiven Karzinomen (z.B. Gleason 4+4=8) können in einem globalen GS untergehen und entgehen der Risikoabschätzung.

Prognostisch wichtig ist auch die Unterscheidung zwischen einem Prostatakarzinom der peripheren Zone (PZ) und der Transitionalzone (TZ). Etwa 20 bis 30% aller Prostatakarzinome entstehen in der Transitionalzone. Prostatakarzinome der Transitionalzone (TZ) haben generell eine bessere Prognose als die der peripheren Zone (PZ). Man findet sie vor allem in der Apexregion, die von TZ- Karzinomen nicht selten infiltriert wird. Da die TZ- Karzinome eher der low risk Gruppe zuzuordnen sind, ist ihre Unterscheidung von PZ- Karzinomen in Stanzbiopsien ein wichtiges Kriterium für die Risikoabschätzung.

Ein kleiner Karzinomherd oder -ausläufer mit dem GS 6 (meine Anmerkung: oder höher) in einer Stanzbiopsie erklärt bei Fehlen einer relevanten Prostatitis nicht hinreichend einen PSA größer 10 oder einen schnellen PSA- Anstieg. Bei derart diskrepanten Befunden ist es mehr als wahrscheinlich, dass der biologisch relevante Tumor in der Stanzbiopsie nicht erfasst wurde (sampling error). Sich in dieser Situation auf Active surveillance einzulassen ist potentiell gefährlich (siehe unten).
Bei jeder Prostatastanzbiopsie sollte prinzipiell angegeben werden, ob eine PSA- relevante Prostatitis vorliegt oder nicht. Beim Nachweis einer Prostatitis sollte ihr Anteil an der Höhe des PSA Wertes gewertet und kommentiert werden.

Die Gefahr einer Übertherapie ist umso größer, je kleiner die Karzinomherde sind, die in den Stanzbiopsien diagnostiziert werden. Der große Unsicherheitsfaktor für jeden Patienten, der eine abwartende und kontrollierte Haltung verfolgt, ist, dass der biologisch relevante Tumorherd in der Stanzbiopsie nicht erfasst oder nicht entsprechend erkannt wurde. Deshalb müssen gerade bei Patienten mit einem geringen Ausgangsrisiko (PSA kleiner 10, T1c-T2a) hohe Qualitätsansprüche an die Durchführung, Aufarbeitung und Befundung der Stanzbiopsien gestellt werden. Wenn alle relevanten Kriterien aus der Biopsie in die klinische Risikoabschätzung (inkl. Nomogramme, moderne Bildgebung) einbezogen werden, dann sollte es möglich sein, von allen Prostatakarzinompatienten diejenigen heraus zu finden, für die eine abwartende und kontrollierte Haltung (Active surveillance) eine realistische Option bietet.

Oktober 2010


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