Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Nerverhaltende Prostatektomie Kriterien

13.4.2012

In den letzten 20 Jahren hat sich nach Vorarbeiten von Prof. Patrick Walsh (John-Hopkins-Hospital in Baltimore / USA), dem Vater der nervschonenden Prostata-Entfernung, eine Technik entwickelt, die es dem erfahrenen Operateur erlaubt, die innerhalb der Prostatakapsel verlaufenden Erektionsnerven zu schonen. Dieser Erhalt der Nervenbündel ist nur bei Patienten möglich, bei denen der Tumor die entsprechenden Randbereiche der Prostatadrüse noch nicht erreicht hat.

Anhand der Befunde (z.B. Lage des Tumors, PSA-Wert, Gleason-Score) ist abzuwägen, welches Risiko für positive Schnittränder (also für eine unvollständige Tumorentfernung) die ein- oder beidseitige Nervenschonung im konkreten Fall birgt. Bei hohem Risiko sollte gegebenfalls von der Nervenschonung abgeraten werden.

Die nervenschonende OP führt aber nicht automatisch zu einer subjektiv besseren Lebensqualität. Die wird vielmehr von vielen Faktoren beeinflusst (z.B. subjektive Bedeutung der Erektion, Qualität der Partnerschaft, Beschwerden beim Wasserlassen wie Inkontinenz = unwillkürlicher Harnabgang). Allerdings, hat die nervenschonde OP auch Vorteile hinsichtlich der Inkontinenzrate. Aus einer Studie: Ein Jahr nach offener Operation vom Unterbauch aus (retropubische RPE) waren nur 1,3% (bei beidseitiger Nervschonung) bzw. 3,4% (bei einseitiger Nervschonung) der Patienten inkontinent, hingegen 13,7%, wenn keine Nervschonung durchgeführt wurde.

Aus der Martiniklinik in Hamburg ist zu hören und zu lesen:

Mit der nerv- und gefäßschonenden Technik steht eine Operationsvariante zur Verfügung, mit der das Risiko einer postoperativen Erektionsunfähigkeit deutlich reduziert werden kann. Dabei wird die sehr feine Schicht, welche die Gefäß- und Nervenstrukturen für die Erektionsfähigkeit enthält, vorsichtig von der Prostata mobilisiert und verbleibt somit als intakte Struktur im Körper. Der nervschonende Eingriff konnte bei nahezu allen unseren Patienten mit einem organbegrenzten Prostatatumor (97 Prozent) sicher angewandt werden. Die Nervschonung wird seitengetrennt – am rechten und/oder linken Prostataseitenlappen – vorgenommen, sodass auch 74 bis 85 Prozent der Patienten mit einem fortgeschrittenen Tumor von einer potenzerhaltenden Operation profitieren.

Ein in der Martini-Klinik entwickeltes und validiertes Nomogramm (Steuber et al, J Urol 2006) ermittelt anhand von präoperativem PSA-Wert, klinischem Tumorstadium (Tastbefund), Gleason-Grad aus der Biopsie, Prozentsatz positiven Biopsien und Prozent Krebs in den Biopsien Punktwerte, die eine Aussage treffen über die Wahrscheinlichkeit eines extrakapsulär wachsenden Tumors. Auch dieses Instrument trägt zu einer zuverlässigen Planung der nervschonenden Operation bei.

siehe auch Nervschonende OP mir dem Roboter
oder Nervschonende Operation

Meine Meinung:
Kriterien, ob ein Patient nervenschonend operiert werden kann, und Infos dazu enthält der Bericht des Pathologen, nämlich: Tumorvolumen, Hinweis auf Organüberschreitung, der Gleason Score und der Nachweis von Nervenscheideninvasionen. Nervenscheideninvasion (NSI) bedeutet, Tumorgewebe ist in die Perineuralscheiden eingebrochen, um dort die Prostatakapsel zu durchbrechen. Der Berliner Uro-Pathologe Professor Bonkhoff sagte auf einer Patientenveranstaltung zur NSI (Nervenscheideninvasion): Der Tumor benutzt einen Trick. Er wächst mit dem Nerv aus der Prostata heraus, denn er hat sonst Probleme, die Kapsel zu überwinden. Der Nachweis von NSI ist deshalb prognostisch bedeutsam (es handelt sich dann um zumeist aggressive Tumore).

Zu bedenken ist: Was habe ich davon, nerverhaltend operiert zu werden, wenn ich danach recht schnell ein Rezidiv (der Tumor erneut zu wachsen beginnt) erleide, weil eine NSI vorlag oder zumindest schon die Ränder der Organkapsel der Prostata angegriffen oder sogar infiltriert sind? Denn das müssen ich für einen erfolgreichen nerverhaltenden Eingriff definitiv ausschließen können.

Klar, die Lebensqualität kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Nur die definiert sich nicht immer und nicht bei Jedem über die Möglichkeit und Häufigkeit von Geschlechtsverkehr. Liebe hat viele Spielarten. Meine Überlegung ist deshalb: Ohne meine Frau würde ich eine Entscheidung für oder gegen eine nerverhaltende OP nicht treffen.

April 2012


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