Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
E-Mail: info@prostata-sh.info

PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

DHB

09.1.2012

Von Will aus Holland 23.09.2001 Lesenswerte Erläuterungen, Klarstellungen und einige wenige Hintergründe zur DHB und ADT

Offensichtlich wurde in Deutschland im Laufe der Zeit, der Begriff "DHB" zu weiträumig aufgefaßt. Hier eine Übersicht mit Definitionen: ADT = AndrogenDeprivationsTherapie (Deprivation = Entzug, hier durch Blockade) ADT3 = ADT mittels 3 Medikamenten In der professionelle Literatur wird ADT am meisten gebraucht. HT (HormonTherapie), HB (HormonBlockade) und AB (AndrogenBlockade) sind alle Synonymen von ADT. Die ADT3 wurde zum ersten mal in 1989 von Dr. Strum angewandt, im Jahr dass auch das dritte Medikament (Proscar) zugelassen wurde DHB = Dreifache HormonBlockade - eine 13 Monate dauernde ADT3, eine von Dr. Leibowitz empfohlene Behandlung, insbesondere auch dann wenn das Tumorstadium T1 oder T2 ist und keine Metastasen festgestellt werden können.

DHB ist die Übersetzung des Englische TAB, Triple Androgen Blockade, eine Bezeichnung die in den VS. nur mit Dr. Leibowitz assoziiert wird. "DHB" ist kein weiträumiger Begriff. Die DHB ist vielmehr ein genau vorgeschriebenes Protokoll.

Nach dieser Definition, müssen Patienten mit festgestellter Metastase (T+N+M0 und T+N+M+) nicht die DHB folgen sondern eine ADT (ADT1, ADT2 oder ADT3). Die Dauer einer ADT ist nicht definiert, ausser bei der DHB. Wenn die Behandlungsdauer zeitbegrenzt sein soll, geben die Empfehlungen nicht die Gesamtdauer, sondern die Dauer nachdem der PSA Wert zum ersten mal unterhalb die untere Meßgrenze gesunken ist. Früher wurde die Therapie nicht abgebrochen solange der PSA unterhalb der Meßgrenze blieb. In 1995 hat Dr. Bruchowski die intermittierende ADT (IADT) vorgeschlagen für Patienten die dafür qualifizieren. Es wird dann die ADT abgesetzt nachdem der PSA Wert mehr als z.B. 18 Monate unterhalb 0,04 ng/dl gelegen hat. Die IADT hat Vorteile. Sie trägt bei zur besseren Lebensqualität und es wird aus guten Gründen vermutet dass sie lebensverlängernd wirkt. Außerdem ist sie Kosten sparend. Die IADT ist eine experimentelle Therapie. JEDOCH, eine kontinuierliche ADT ist ebenfalls eine experimentelle Therapie, eine Tatsache die leicht übersehen wird.

Am Rande sei bemerkt dass Dr. Leibowitz die IADT nicht empfiehlt. Er empfiehlt eine aggressive Behandlung nachdem die DHB versagt. Leibowitz benutzt dabei zwar den Begriff "intermittierend", eine Synonyme für Periodisch. In seiner Veröffentlichung ist aber immer wieder die Rede von einer einmalige Behandlung (a "one-off" treatment). Derartige Begriffsverwirrungen tragen natürlich nicht zum guten Verständnis bei.

(Anmerkung von Wolfhard Frost: ...nicht nur zur Begriffsverwirrung sondern zur FALSCHINTERPRETATION)

Wil

Zitat von einem Urologen:
Die DHB ist eine Therapie für Nervenstarke!

Ergänzung - Aus Beiträgen des Urologe Dirk Wunderling aus Westerstede im BPS-Forum:

Wenn man einem 60-jährigen, nicht ernsthaft vorerkranktem Patienten mit einer statistischen Lebenserwartung von weiteren 18 (!) Jahren als Primärtherapie eine Hormonablation empfiehlt, dann sollte man zumindest dazu sagen, daß dies eindeutig den Empfehlungen der Fachgesellschaften entgegensteht.

Es macht Sinn sich die Originalarbeit des Herrn Leibowitz anzuschauen. Abgesehen von der Tatsache, daß sie weder ein "Beben" in der AUA (American Urological Association - Berufsverband der amerik. Urologen) hervorgerufen hat noch eine Änderung der Therapieempfehlungen, sind die Ergebnisse ziemlich banal:

- 110 Patienten, die die "DHB" erhielten, zeigten nach 36 Monaten (davon 13 Monate Therapie) im Durchschnitt einen PSA von 1,3 ((Durchschnittswert zu Beginn der Therapie 13 ng/ml).

Das ist eigentlich schon alles. Ergänzend darf man hinzufügen, daß 85% der Patienten ein T1 oder T2a-Stadium zeigten.

KEINE Aussage darüber, ob dieselben Werte auch ohne Finasterid erreichbar sind

KEINE Anmerkung darüber, daß Finasterid selbstverständlich eine "PSA-Kosmetik" hervorruft.

KEINE Aussage über irgendeine Lebensverlängerung.

Aus urologischer Sicht ist dieser Beitrag nahezu sinnfrei. Interessanter sind da eher die Veröffentlichungen, die zeigten, daß die max. Androgenblockade lediglich in 2-3% der Fälle überhaupt eine Lebensverlängerung bewirkt (im Vergleich zur Monotherapie).

Es ist relativ einfach: Seit einigen Jahren kämpfen wir (Anmerkung: gemeint sind die Urologen) ja darum, wegzukommen von der "Erfahrungsmedizin" und hinzukommen zu der (hierfür gibt es leider kein deutsches Wort) "evidence based medicine".

Drastisch ausgedrückt: die Doktores sollen nicht mehr das machen, was sie wollen, sondern daß, was nachgewiesenermaßen sinnvoll ist.

Die (oder vielmehr der eine) Artikel des Herrn Leibowitz erfüllt genau diesen Grundsatz nicht: nämlich nachzuweisen, daß die von ihm empfohlene Therapie besser als die Standardtherapie ist. Er zeigt ja noch nicht mal, daß sie wenigstens nicht schlechter ist oder gar eine geringere Nebenwirkungsrate hat. Und schon gar nicht zeigt sie eine Lebensverlängerung gegenüber der Standardtherapie.

Ja, die gleichen Grundsätze gelten natürlich auch für Operateure und ich wehre mich auch gegen die "wir operieren alles" Mentalität.

Aber nochmal: Wer als junger Mann (biolog. Alter unter 65) als primäre Therapie eine Hormonblockade (wie auch immer ausgeführt) wählt, geht ein hohes Risiko ein. Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn einer meiner Patienten sich so entscheidet; aber die Vorstellung, "man könne ja immer noch bestrahlen oder operieren" ist schlicht falsch. Denn, wenn ich richtig verstanden habe, würde man an diese Option nur denken, sobald der Tumor beginnt hormonrefraktär zu werden (was in der Regel schlechtere Gleason-scores bei der Zweitbiopsie und deutlich schlechtere Chancen bei der Folgetherapie bietet).

Wie gesagt, die Entscheidung trifft immer der Patient. Mir persönlich wäre die Erektionsfähigkeit in den Phasen zwischen der Hormontherapie jedenfalls deutlich weniger wichtig als eine kurative Therapie (aber da gibt es durchaus Unterschiede in den Prioritäten)

Ich vermute, wer so überlegt, unterliegt einem logischen Fehler: Eine Hormonblockade (plus gegebenenfalls Radiatio) ist eher eine Option für den älteren Patienten bzw. hohen Gleason-scores+hohem PSA, da hier die Op-Ergebnisse deutlich schlechter werden.

Noch einmal zurück zu Leibowitz: Wenn denn seine "Empfehlung "besser wäre, warum sollten wir (Anmerkung: die Urologen) es denn dann nicht machen? Weil wir zu blöd sind? Oder unsere Patienten ärgern wollen?

Ich werde die Meinungen zu diesem Thema kaum ändern können; sie entspricht nur leider NICHT dem Stand der Wissenschaft (wobei es mich wirklich freut, wenn einige Betroffene damit bislang zufrieden sind).

Aber in diesem Bereich gibt es viele relativ "exotische" Empfehlungen auch von Fachkollegen- von Casodex 100 als intermittierende Monotherapie (wie ich in einem anderen Beitrag las) über HiFu (die schon konzeptionell keinen Sinn macht) oder "frühzeitig mit Taxotere anfangen wenn der PSA unter Casodex-Mono steigt".

In die gleiche Kategorie fällt überigens die häufig zitierte und empfohlene Maximaldiagnostik über alle möglichen Laborparameter (dazu hat Herr Prof. Weißbach einen sehr zutreffenden und sehr geschickt formlierten Kommentar zu der "Bibel der Selbsthilfe" verfaßt). Hört sich ziemlich progressiv an: "NSE, CGA BAP, PAP, polyploide Karzinomzellen etc"...haben auf die Therapie keinen Einfluß, da die Entscheidungen für oder gegen eine bestimmt Therapie von all diesen Untersuchungen unabhängig sind.“

DHB auf dem Urologenkongress
Hier steht mehr:
DHB
Nebenwirkungen bei DHB
DHB auf Dr. Eichhorn-Seminar 2005
PSA-Werte bei DHB
PSA Anstieg bei DHB
Zweiter Zyklus bei DHB
DBH auf dem Uro-Kongress 2009 in Dresden
Dr. Eichhorn Seminar 2006 incl. DHB-Therapievergleich mit ADT3

Wichtige Ergänzung

Prof. Heidenreich, Aachen, auf dem BPS-Kongress im Juni 2011 in Würzburg:

Ich glaube, was wissenschaftlich noch nicht überprüft ist, dass bei der dreifachen Hormonblockade durch die kontinuierliche Fortsetzung zunächst mit Proscar (Finasterid) jetzt mit Avodart (Dutasterid) bestimmte Enzyme in den Krebszellen gehemmt werden die dann eine frühe Proliferation der Krebszellen verhindern. Ich glaube, dass ist das "Geheimnis" der Dreifachen Hormonblockade und nicht unbedingt die kurzzeitige Medikations-Gabe in den ersten dreizehn Monaten.

Der Urloge im BPS-Forum ergänzt wie folgt:
....ich habe dieses Jahr den 5ten DHBler mit Gleason 5-Anteilen, der nach weniger als 3 Jahren bei "scheinbar normalen PSA-Werten" metastasiert ist.
Der Strahlentherapeut im gleichen Forum ergänzt: Sehe ich auch oft. Interessant sind auch Patienten mit Gleason 5 - Anteilen, die bereits 9 Monate nach Beginn einer LHRH-Monotherapie hormonrefraktär werden.

Und Prof. Schostatk zu dem gleichen Thema:
Was heißt das für Leibowitz? - Es könnte sein, dass die Triple-Therapie nur bei Tumoren hilft, die sowieso nicht lebensgefährlich sind und aus den gefährlichen sehr gefährliche Krebse macht. Bei einem Teil wäre die Therapie dann überflüssig, beim anderen gefährlich.
Aus diesem Grund sehe ich sowohl die 5-ARIs als Krebs-Prophylaxe im Allgemeinen und speziell als "Therapie" im Rahmen von Leibowitz sehr skeptisch.

letzte Aktualisierung im September 2009/August 2011/Dezember 2011/Januar 2012



Zurück