Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Brachytherapie - grundsätzlich

10.7.2011

brachy = griech. kurz. Strahlentherapie, die aus unmittelbarer Nähe erfolgt.

Die permanente Seedsimplantation ist heute durch nationale und internationale Fachgesellschaften für Urologie und Strahlentherapie anerkannt. Spötter bezeichnen sie auch als die teuerste Wait and see Therapie.

Man unterscheidet grundsätzlich:

permanente Seddsimplantation (LDR)mit Jod125 oder Palladium 103
und
HDR-Brachytherapie, sogenanntes Afterloading,als temporäre Bestrahlung mit Iridium192

Wann und für wen kommt die Brachytherapie normalerweise infrage?
- geringe Tumorausdehnung in der Prostata
- T-Stadium T1 oder T2
- PSA bei Diagnose (iPSA) nicht größer als 10 ng/ml
- GleasonScore (GS) 2 bis 6
Von einer Dosiseskalation durch eine HDR- Brachytherapie (IR-192 Applikation in Afterloading Technik) profitieren Patienten mit einem intermediären und ungünstigen Risiokprofil (Aström 2005, Deger 2005, Demanes 2005, Galalae 2004, Martinez 2002, Sathy 2005) offenbar stärker als durch eine perkutanen Dosissteigerung. Experten verweisen auf die Mitbestrahlung infiltrierter Randgebiete (z.B. bei positiven/befallenen Seitenrändern)
- Der Stellenwert der Kombination einer perkutanen Strahlentherapie in Kombination mit einer permanenten Brachytherapie ist allerdings unter Experten umstritten.

Wie erfolgreich ist eine Behandlung mit der Brachytherapie?
Aus einem Studienergebnis:

Das Gesamt-Progressionsfreie Überleben nach 10 Jahren war 87% für Niedrig-Risiko-Patienten (PSA<10, Gleason 2-6, T1-2b). Von 59 Patienten (47%), die mehr als 7 Jahre beobachtet wurden, hatten 51 (86%) ein Serum-PSA < 0,5 ng/ml, 48 (81%) hatten ein Serum-PSA < 0,2 ng/ml. Kein Patient war am Prostata-Ca verstorben. Der Anteil an Patienten mit einem PSA <= 0,2 ng/ml nahm kontinuierlich bis zu 7-8 Jahren nach Therapie zu. Die Ergebnisse zeigten, daß es zwischen einem Abfall des Serum-PSA unter 0,2 ng/ml und dem Progressionsfreien-Überleben einen direkten Zusammenhang gab.
Dies liegt nach Meinung der Autoren nicht an der Selektion der Patienten, sondern an der im Laufe der Zeit verbesserten Implantationstechnik.

(Grimm PD, Blasko JC, Sylvester JE, Meier RM, Cavanagh W.: 10-year biochemical (prostatespecific antigen) control of prostate cancer with (125)I brachytherapy. Int J Radiat Oncol Biol Phys 2001 Sep 1;51(1):31-40)

Aus einer anderen Studie mit 71 Patienten und 4 Jahren Nachbeobachtungszeit:
Eine erektile Dysfunktion konnte bei 28 % der Patienten festgestellt werden.
Rektale Nebenwirkungen der Brachytherapie traten im untersuchten Patientenkollektiv bei 5 % der Patienten in Form von unerwünschten Stuhlabgängen auf. In dieser Studie, bei der es um eine Dosiseskalation bei der Brachytherapie handelte, konnte ein progressionsfreies Überleben von 98,2 % bei der Low-Risk Gruppe und 97,9 % bei der Intermediate-Risk Gruppe festgestellt werden.

Ergänzung:
Unter welchen Voraussetzungen sollte eine Brachytherapie NICHT gewählt werden?

Wenn Harnstrahl weniger als 15 ml/sek. dann sollte keine Brachytherapie mit Seeds gemacht werden.

Diabetespatienten mit Reizblase bekommen Probleme bei Bestrahlung, auch bei Brachytherapie.

Eine HDR Brachytherapie ist kontraindiziert, wenn:
- Prostata > 60 ml
- TUR-P in den letzten 6 Monaten (...das sollte gut bedacht werden: Eine TUR-P bedeutet ein Aus für eine Brachytherapie)
- Obstruktion IPSS ab 9 (?)manche Experten meinen erst ab IPSS größer 10 (persönliche Anmerkung: Da bin ich skeptisch)
- Infiltration des äußeren Sphinkter am Blasenhals
- Steinschmittlage oder Anästhesie nicht möglich
- Beckenring verhindert optimale Applikator Plazierung
- Distanz Strahlenquelle zum Rektum < 5 mm

Ergänzung:
Wer sich für die Brachytherapie entscheidet sollte wissen

die Brachytherapie ist ein technisch sehr aufwendiges und kompliziertes Therapieverfahren. Experten sagen nicht von ungefähr, auch nach dem 2000. Patienten würde sie immer noch dazulernen. - und man(n) sollte wissen, dass die Brachytherapie nicht nur am Tumor wirkt, sondern auch am benachbarten Gewebe. Ein Strahlenexperte sagt: Zwar wird nicht soviel gesundes Gewebe, wie bei der externen Bestrahlung mit der vollen Strahlendosis (Anmerkung: etwa 120 bis 130 Gy)Dosis belastet, weil die Brachytherapie einen steilen Dosisabfall von der Quelle weg hat, jedoch gibt es gesundes Gewebe, was unmittelbar neben dem Tumor ist. Und wenn man den Tumor mit 120-130 Gy biologischer effektiven Dosis bestrahlen will, dann gilt dasselbe auch für das Normalgewebe (gesundes), was nebendran ist.

Übersetzt auf denjenigen, der überlegt, die Brachytherapie zu machen, heißt das: Gehe nicht in ein Krankenhaus, gehe nicht in eine Ambulanz, die nicht oft genug diese Therapie durchgeführt hat oder noch deutlicher: Zu den ersten 100 oder auch ein paar mehr möchte ich persönlich nicht gehören.

Ergänzung:
Ein Experte (Anmerkung: ca. 1000 Brachytherapien durchgeführt!) in einem anderen Forum:
Nach Seedsimplatation ist ein zwischenzeitlicher PSA Anstieg zunächst nichts Ungewöhnliches. Etwa 30% der Patienten haben einen sog. "Bounce", d.h. ein Zwischenhoch des PSA ohne erkennbare Ursache. Man sollte für eine Woche ein Antibiotikum geben und den PSA dann nochmals engmaschig kontrollieren, um Entzündungen als Ursache des PSA Anstiegs aus zu schließen.

Schmerzen nach Brachytherapie:
Es kommt wenn auch selten vor, dass der eine oder andere mehr als 1 Jahr nach der Seedimplantation noch immer Schmerzen beim Wasserlassen hat. Ein Experte: "Dies ist unerfreulich lange, man erwartet üblicherweise nach dieser Zeit keine so starken Beschwerden mehr. Die Strahlung ist ja mittlerweile praktisch komplett abgeklungen. Wir haben ein paar wenige Patienten die über vergleichbar lang anhaltende Beschwerden berichten. Einige haben durch pflanzliche Medikamente wie Sabal- oder Brennesselextrakte Hilfe gefunden, auch das Trinken von Cranberry Saft soll die Beschwerden lindern. Einige Patienten schwören auf einen Apothekentee, der Linderung bringen soll."

Empfehlungen von Betroffenen lauten auf:
- Ich habe das Trinken von Kaffee drastisch reduziert. Meine Erfahrung: Je mehr Kaffee, desto unerträglicher der Schmerz.

- Koche mir abends ein Topf voll Ackerschachtelhalm Tee, den ich über den Folgetag hinweg in reichlichen Mengen trinke. Wirkt Wunder.

Ergänzung zum Thema Kostenerstattung:
Dr. Kahmann, Berlin, schrieb dazu

Seit dem 01.04.2004 kann die Brachy stationaer abgerechnet werden, solange das KH dafuer budgetierte Mittel hat. Das ist eine Besonderheit im dualen Facharztwesen in Deutschland. Im stationaeren Bereich ist alles zur Erstattung erlaubt, solange es nicht ausdruecklich abgelehnt wurde(wie gesagt Budgets etc muessen vorhanden sein). Im ambulanten Bereich wird nichts erstattet, solange es nicht ausdruecklich zugelassen wurde.

Was ist mit körperlichen Belastungen, insbesondere mit dem Fahrradfahren, nach einer Seedsimplantation?

Dazu antwortet Dr. Kahmann in einem anderen Forum: "4 Wochen nach Seeds sind körperliche Anstrengungen möglich. Schonung ist nicht mehr notwendig, auch Fahrradfahren ist wieder erlaubt."

Dr. Eichhorn nach Besuch der Konferenz des PCRI im September 2009 in Los Angeles:

Größte Vorsicht ist nach meiner Erfahrung geboten bei Patienten die schon vor einer Brachytherapie irritative Miktionsstörungen haben oder bei denen die Prostata sehr groß ist - mit erheblichen Abflussstörungen (Uroflowmetrie: maximaler Flow <15ml/Sekunde). Durch die Seed-Implantation nimmt das Prostatavolumen naturgemäß zu. Eine vorbestehende Abflussstörung kann sich bis zur Harnsperre verschlimmern.

Darmbluten und Brennen beim Wasserlassen nach Seedsimplantation - Was kann man tun?
dazu meint Dr. Frank Kahmann, Berlin:

Posterisan und Claversal sind durchaus Medikamente der Wahl. Wir sehen selten Darmblutungen und geben dann Colifoam Schaum peranal. Dies lindert die Beschwerden.
Bezüglich des Brennens beim Wasserlassen, die Beschwerden sind nicht unüblich. Die Gabe von Ibuprofen oder Diclofenac ist gut. Es ist tatsächlich so, dass diese Beschwerden bisher bei allen unseren Patienten auch wieder verschwunden sind

Ergänzung:
Die Brachytherapie wird in den Leitlinien bei ausgeprägten Tumoren kritisch angesehen, was aber nur in den deutschen Leitlinien so ist. ....Bei großer Ausbreitung eines Tumors ist eine Active Surveillance nicht empfehlenswert. Dr. Frank Kahmann, Berlin.

weitere Fundstellen in dieser Infothek:
Brachytherapie Rezidiv
Brachytherapie und Fahrradfahren
Brachytherapie und Lebensqualität
Brachytherapie als Alternative
Und wenn die Seeds versagen?
Seeds Implantation
Strahlenschutz bei Seeds
Wann Brachy?
Wann ist die Brachytherpie sinnvoll?
PSA-Wert nach Brachytherapie
Fokaltherapie

siehe auch die Informationen des IQWiG
Brachytherapie

wichtige Ergänzung
LDR Brachytherapie - PD Dr. med. Stefan Machtens, Chefarzt Marienhospital in Bergisch Gladbach, auf dem 5. Patiententag 2011 in der Dortmunder Westfalenhalle:
Dr. Stefan Machtens, Chefarzt Urologie am Marienkrankenhaus Bergisch-Gladbach, wendet die LDR-Brachytherapie seit seiner Zeit als Arzt in der Medizinischen Hochschule in Hannover nunmehr seit zwölf Jahren an. Die Nebenwirkungen der Seeds-Implantation bei der LDR-Brachytherapie, ein einmaliger Eingriff von derzeit 48 Minuten Dauer im Durchschnitt, seien extrem geringer als bei einer EBRT. Die Kosten für die ambulante Implantation der Seeds würden allerdings von den ges. Kassen nicht bezahlt. Dr. Machtens erläutert kurz die computerunterstützte Dosisplanung und den Ultraschall, der die exakte Ablage der Seeds in der Prostata ermöglicht. Die "Verkettung" der Seeds verhindere mittlerweile auch die Gefahr einer Verschleppung der Seeds außerhalb der Prostata.

Dr. Machtens sieht in der LDR-Brachytherapie eine gleich effektive Therapieform wie die Bestrahlung von außen und die radikale Prostataentfernung.

Die S3-Leitlinie aus dem Jahr 2009 sieht die interstitielle LDR-Brachytherapie als Therapieoption vor. "Die Low-Dose-Rate-Brachytherapie (LDR-Brachytherapie) ist bei Patienten mit Prostatakarzinomen des niedrigen Risikoprofils als ein alternatives therapeutisches Verfahren sowohl zur radikalen Prostatektomie als auch zur perkutanen Strahlentherapie anzusehen", d.h. infrage komme die LDR-Brachytherapie für Low-risk-Patienten, jedoch selbst T3 PCa könne man mit der LDR-Brach therapieren.

Ein paar Zahlen: Nur ein OP-Abbruch bei bisher 1100 Patienten, nur 1,5 Prozent waren inkontinent, 0,8 Prozent hatten Enddarmprobleme, 70 Prozent hatten keine erektile Dysfunktion.

letzte Aktualisierung im April 2011/Juli 2011

 

Soweit keine Quelle angegeben ist, sind die Texte auszugsweise zusammengestellt von verschiedenen Internetquellen, dem BPS-Magazin und BPS-Forum (Mitteilungsorgan des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.), Werbeschriften und Dokumentationen von einschlägigen Unternehmen und Institutionen, eigenen Aufzeichnungen anläßlich von Besuchen auf urologischen Kongressen und Symposien, Seminaren und Auszüge von Referentenvorträgen vor unserer Selbsthilfegruppe in Bielefeld und anschließend weitgehend laienverständlich aufbereitet, soweit ich dazu als medizinischer Laie in der Lage bin.



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