Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Selen und Prostatakrebs

02.1.2011

Selen und Prostatakrebs

Biologische Eigenschaften von Selen

Für viele Organismen ist Selen ein lebensnotwendiger Mikronährstoff. Der Mensch nimmt täglich zwischen 0,05 und 0,3 ppm Selen auf. Im menschlichen Körper (Durchschnittsgewicht 70 kg) findet man knapp 7 mg. Selen-Verbindungen sind dagegen toxisch. Eine gewisse Anreicherung findet in den Nieren statt. Zuviel Selen wirkt toxisch. Der MAK-Wert (maximale Konzentration am Arbeitsplatz – auch kurzfristig) in Deutschland für Selenverbindungen als Staub oder Rauch wurde bei 0,1 mg/m3 festgelegt.
Selen ist als Bestandteil wichtiger Enzyme / Fermente mitverantwortlich für die Funktion der Körperzellen. Selen ist zur Erhaltung praktisch aller Organfunktionen notwendig. Seine Hauptfunktion liegt in der Verhinderung der Oxidation von Fetten (Lipide). Selen führt u.a. zu Aktivitätssteigerung der Glutathionperoxidase (die die Erythrozyten gegen Wirkung von aggressiven Peroxiden schützt). Es wirkt noch intensiver in Verbindung mit Vitamin E, um Antikörper zu erzeugen und für ein gesundes Herz und Leber zu sorgen. Selen kann man deshalb einen bedeutenden "Radikalfänger" (freie Radikale) nennen, es bietet Schutz vor Chromosomenschäden und führt zur Erhöhung der körpereigenen Resistenz gegen Krankheitskeime, Viren und Schwermetalle und besitzt krebsschützende Wirkung.

Selen in Lebensmitteln bzw. der tägliche Bedarf an Selen

Der Selenbedarf ist bis heute nicht genau bestimmt. Schätzungen gehen von mindestens 20 bis zu maximal 300 mcg Selen täglich aus. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung gibt einen Bedarf von 20 bis 100 mcg täglich für Kinder ab 10 Jahren und für alle Erwachsenen an. Die durchschnittliche Zufuhr aus der Ernährung liegt zwischen 25 und 85 mcg, sie ist teilweise als zu niedrig einzuschätzen und kann evtl. an der Grenze zum Mangel liegen. Amerikanische Empfehlungen gehen von einem Bedarf von 1 mcg Selen pro Kilogramm Körpergewicht aus. Zur Erhaltung der schützenden Funktionen von Selen gehen Fachleute heute von einem Bedarf von etwa 100 mcg täglich aus. Ein Mehrbedarf kann bei verschiedenen Krankheiten und Belastungen vorhanden sein.
Der Tagesbedarf an Selen beträgt lt. DEG für Frauen 55 Mikrogramm, für Männer 70 Mikrogramm. Hierzu die grundsätzliche Anmerkung: Selen in Form von Vitaminpillen kann das Gemüse nicht ersetzen.

Selen ist in folgenden Lebensmitteln des mitteleuropäischen Marktes wie folgt (in Mikrogramm pro hundert Gramm Lebensmittel) enthalten:

Wann besteht ein erhöhter Bedarf an Selen?

Bei alten Menschen finden sich häufiger niedrige Selenspiegel, vermutlich durch zunehmend einseitige Ernährung, aber auch durch geringere Aufnahmen an Lebensmitteln. Bei Rauchern sind oft hohe Cadmiumwerte bei meist niedrigen Selenspiegeln zu finden. Bei einer Reihe von Krankheiten sind die Selenspiegel oft erniedrigt, das gilt z.B. für Rheuma, Herzkrankheiten und Krebs.

Welche Krankheiten löst Selenmangel aus?

Selen-Blutspiegel unterhalb der Norm finden sich oft bei Menschen, die einen Herzinfarkt erleiden, bei koronarer Herzkrankheit, Krebs und Leberzirrhose. Bei koronaren Herzkrankheiten zeigte sich, dass die Krankheitsentwicklung mit Selen in Beziehung steht. Je mehr Selen zugeführt wurde, um so stärker sank das Risiko, daran zu erkranken. Auch bei einigen Krebskrankheiten zeigten sich ähnliche Beziehungen. Niedrige Selenspiegel im Blut erhöhen die Risiken für Krebserkrankungen. Ausreichend Selen kann die Verträglichkeit von Krebsmedikamenten verbessern, ohne deren Wirksamkeit zu beeinträchtigen. Und Selengaben können dazu beitragen, die Tumoren der Haut, der Leber, der Prostata und des Dickdarms zu hemmen. Heute gehört die Selengabe meist zur unterstützenden Behandlung bei Krebskrankheiten. Beziehungen mit Selen wurden auch bei rheumatischen Erkrankungen beobachtet. Sie gehen oft mit einem niedrigen Selenstatus einher, wobei der Grad der Beschwerden mit niedrigen Selenspiegeln verbunden ist. Ausreichende Selengaben können z.B. bei Rauchern und bei der Belastung durch Amalgam dazu betragen, Cadmium zu entgiften und Quecksilber in seiner Giftigkeit zu mindern.

Kann man Selen überdosieren oder gibt es Nebenwirkungen?

Selen gilt bei der Aufnahme von bis zu 400 mcg täglich als sicher, auch wenn es über längere Zeit zugeführt wird. Dosierungen über 800mcg täglich in Formen wie Natriumselenit können toxisch werden. Bei überaus hohen Dosen von mehr als 2000 mcg täglich wurden Nebenwirkungen beobachtet, es kann z.B. zu Magen-/Darm Störungen, Kopfschmerzen und Haarausfall kommen.

Selen zur Vorbeugung - und wieviel?

Um einen größeren Selenmangel auszugleichen, werden meist zwischen 50 bis 100 mcg täglich als Ergänzung empfohlen.
Therapeutisch wird Selen oft unterstützend bei Krebs, Herzkrankheiten, rheumatisch-arthritischen Erkrankungen, Immunschwächen und erhöhten Belastungen durch Schwermetalle eingesetzt. Dann können höhere Gaben sinnvoll sein, die ärztlich verordnet und betreut werden sollen. Beispielsweise werden für die optimale physiologische Krebsabwehrlage bis zu 300 mcg Selen täglich empfohlen. Bei akuten Rheumaschüben können z.B. kurzfristig hohe Gaben Selen eingesetzt werden, dann wird bis zur Schmerzminderung etwas geringer dosiert, schließlich eine vorbeugende Gabe mit etwa 100 mcg Selen täglich dauerhaft durchgeführt.
Vitamin C kann evtl. die Aufnahme von anorganischem Selen (Selenit oder Selenat) hemmen. Daher werden organischen Formen aus Hefe- bzw. Pflanzenquellen (Selenomethionin) meist bevorzugt. Die Aktivität von Glutathionperoxidase wird durch anorganisches Selen schneller gesättigt, organisches Selen führt dagegen zu einem schnelleren und stärkeren Anstieg der Selenkonzentrationen im Blut.

Gibt es Studien?

Studie von 1983: Larry Clark vom Arizona Cancer Center in Tucson startete 1983 eine heute vielzitierte Doppelblindstudie, die - randomisiert und placebokontrolliert - belegen sollte, dass Selen vor Hautkrebs schützt. Im Rahmen des Versuchs erhielten 1312 Probanden aus einer Region mit Selenmangel durchschnittlich 4,5 Jahre lang täglich 200 µg Selen in Form von Selenhefe oder ein Placebo. Allerdings lässt sich im Einzelfall nicht sagen, wie lange die Versuchspersonen Supplemente einnahmen. Die Nachbeobachtungsphase dauerte durchschnittlich knapp zwei Jahre.Bei der Aufbereitung der Daten zeigte sich , dass andere Krebsformen in der Selengruppe signifikant seltener auftraten: Die Häufigkeit von Tumoren der Lunge sank um 46%, des Darmes um 58% und der Prostata um 63%. Die gesamte Krebssterblichkeit ging um die Hälfte zurück. Toxische Effekte der Selenhefe wurden nicht beobachtet. Clark LC et al: Effects of selenium supplementation for cancer prevention in patients with carcinoma of the skin. Journal of the American Medical Association 1996/276/S.1957-1963 Combs GF, Clark LC, Turnbull BW: Reduction of cancer mortality and incidence by selenium supplementation. Medizinische Klinik 1997/92/Suppl. III/S.42-45 Clark LC et al: Decreased incidence of prostate cancer with selenium supplementation: results of a double-blind cancer prevention trial. British Journal of Urology 1998/81/S.730-734

Niedrige Selenkonzentration mit gesteigertem Prostatakarzinom-Risiko assoziiert: Männer mit niedrigem Selenspiegel im Blut haben laut einer im ‚Journal of Urology’ publizierten Studie ein vier- bis fünffach erhöhtes Risiko ein Prostatakarzinom zu entwickeln.
Dies zeigt eine Fall-Kontroll-Studie von Dr. James Brooks von der Stanford Universität und Kollegen. Die Wissenschafter haben bei Teilnehmern der Baltimore Longitudinal Study Selen im Serum bestimmt. 52 Teilnehmer, die später (Diagnose durchschnittlich 3,8 Jahre nach der Blutprobe) an einem Prostatakrebs erkrankten, hatten deutlich niedrigere Selenkonzentrationen als 96 altersgleiche Teilnehmer, die gesund blieben. Die Resultate unterstützen die Hypothese, dass eine Steigerung der Selen-Aufnahme – entweder mittels gezielter Ernährung (z.B. Paranüsse oder Thunfisch) oder mit Vitamin-Präparaten – das Prostatakarzinom-Risiko reduziert werden könnte. Hierzu laufen derzeit an der Stanford-Uni und anderen US-Zentren weitere Studien. Jedoch: Diese haben in der Vergangenheit nicht selten gezeigt, dass sich die Ergebnisse von Fall-Kontroll-Studien nicht immer in eine sinnvolle Primärprävention umsetzen lassen (DÄB). 26.11.02 www.medaustria.at Quelle: J Urology; 2001, 166: 2034-2038

Ergänzung:
Dass das Spurenelement Selen für den Körper insgesamt immer nur in "Spuren" nötig und verträglich ist, weiß man schon sehr lange: Zuviel davon führt zur Vergiftung (wie schon Marco Polo im 13. Jahrhundert auf seiner Reise nach China bei seinen Pferden feststellte, die extrem selenreiches Gras gefressen hatten. Sie verloren an Haaren und Gewicht, lahmten und litten an Huferweichung.) Auch zu wenig Selen schadet: Beim Menschen kann Selenmangel zu Herzmuskel- und Gelenkerkrankungen (Keshan- und Kashin-Beck-Krankheit) führen und neuerdings häufen sich wissenschaftliche Befunde, die nahelegen, dass auch die Entstehung von Krebs (Prostata, Darm und Lunge) begünstigt wird, wohingegen eine ausreichende Versorgung mit dem Spurenelement Tumorerkrankungen vermeiden hilft.

Ergänzung:
Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass schon ab 400 µg Selen pro Tag Vergiftungserscheinungen wie Übelkeit und Erbrechen, Haarverlust, Nagelveränderungen, periphere Neuropathie und Erschöpfung auftreten.

Wenn die Radikalenfängerfunktion (ROS) von Selen wirklich zuträfe, dann würde folgendes passieren, schreibt Prof. Dr. Giesing aus dem Münsterland:
Tumorzellen schützen sich vor Zyklusstop und Apoptose, also dem Zelltod (Selen soll ja bekanntlich Radikale (ROS) entgiften, indem Selenoproteine wie Gluthathionperoxidase-GPX1- und die Thioredoxinreduktase -TXRDN1- aktiviert werden, wodurch eine antioxidative Wirkung entstehen soll, die eine Fülle von molekularen Veränderungen bewirken soll wie Apoptoseinduktion, Hemmung der Proliferation, Hemmung der Angiogenese, Föderung der DNS-Reparatur) durch einen ausserordentlich aktiven Antioxidationsmechanismus, in dem sie die oxidativen Stressgene SOD, GPX1, TXNRD1 hochregulieren.
Wenn nun Selen zusätzlich ROS steigern würde, dann bekämen die Krebszellen einen Wachstumsschub. Warum? Weil sie noch mehr, noch stärker mit ihrem hoch aktivierten Antioxidationsmechanismus sich gegen den Zelltod wehren würden. Und das bedeutet vermehrtes Turmorwachstum. Ergebnis: Der von Krebs befallene Mensch würde metastasieren.

In der Tat stimuliert Selen einige antioxidative Faktoren wie GPX1 und TXNRD1, aber nicht in Tumorzellen, sondern in den viel weniger aktiven Lymphozyten.

Die eigentliche Gefahr bei Tumoren , so Prof. Giesing, geht von den im Körper gestreuten Tumorzellen aus.

letzte Aktualisierung im Januar 2010

 

Soweit keine Quelle angegeben ist, sind die Texte auszugsweise zusammengestellt von verschiedenen Internetquellen, dem BPS-Magazin und BPS-Forum (Mitteilungsorgan des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.), Werbeschriften und Dokumentationen von einschlägigen Unternehmen und Institutionen, eigenen Aufzeichnungen anläßlich von Besuchen auf urologischen Kongressen und Symposien, Seminaren und Vorträgen von Referentenvorträgen vor unserer Selbsthilfegruppe in Bielefeld und anschließend weitgehend laienverständlich aufbereitet, soweit ich dazu als medizinischer Laie in der Lage bin.



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