Wolfhard Frost · Bessemerweg 13 · 33611 Bielefeld
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PSA Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Bielefeld

Hyperthermie

12.10.2010

griech. Überwärmung

Tumorgewebe ist besonders hitzeempfindlich. Im Temperaturbereich von 40 bis 42 Grad wird die Zellmembran geschädigt. Im Tumor werden Interferon Gamma, welches ein schnelles Wachstum des Tumors verhindert, TNT-Alpha (Tumor-Nekrose-Faktor) und Apoptose-Gene aktiviert, die Tumorzellen töten können. Zudem kommt es an den Zellwänden zu Veränderungen durch Hitzeschockproteine, die Killerzellen aus dem Thymus aktivieren, die die Krebszellen erkennen und bekämpfen können. Außerdem reagieren Krebszellen durch die Schädigung der Zellmembran auch sehr viel empfindlicher auf Zytostatika oder Strahlen. Die Wirksamkeit einer Strahlen- oder Chemotherapie wird durch die Hyperthermie gesteigert.

Tumorzellen reagieren hinsichtlich ihrer Durchblutung nicht so wie normale Zellen, die bei Wärmeeinwirkung sehr viel stärker durchblutet werden, um dann wieder abzukühlen. Die Tumorzelle kann sich nicht weit stellen und deshalb die aufgenommene Hitze auch nicht abführen. Dennoch entsteht durch die Temperaturerhöhung eine Mehrdurchblutung, die es den Killerzellen und den Zytostatika einfacher machen zum Tumor vorzudringen. Nebenwirkungen gibt es dabei kaum, allerdings leichte Verbrennungen sind möglich, aber eher selten.

Wichtig bei der Hyperthermie ist, dass man die Therapie nicht zu häufig anwendet, da es eine Wärmegewöhnung gibt. Man wartet mindestens 48 Stunden zwischen den einzelnen Behandlungen und macht maximal 10 Anwendungen hintereinander, dann folgt eine Pause von vier Wochen.

In Japan ist die Lokale Hyperthermie sehr viel weiter verbreitet als in Deutschland. Die Wirkungsweisen bestimmter Chemotherapeutika potenzieren und addieren sich mit der Hyperthermie vor allem bei Temperaturen von 42 bis 44 Grad. Oder man macht ein Ganzkörper-Hyperthermie, dabei wird wie der Name schon sagt der ganze Körper auf 42 bis 44 Grad Temperatur gebracht, was wegen der Nebenwirkungen nicht ganz ohne ist. Es gibt auch die Möglichkeit die Chemotherapeutika einlaufen zu lassen, um dann anschließend eine Hyperthermie-Behandlung zu machen. Es gibt auch Varianten, wo die Überwärmung im Abstand von 24 Stunden erfolgt. Erfahrungen soll hier die Tumorklinik in Bergzabern haben.

Zu lesen ist auch von einem Downstaging mittels Hyperthermie, das heißt, ein Tumor wird mit Hilfe der Hyperthermie verkleinert, so dass er anschließend operiert werden kann bzw. eine Operation weniger invasiv ausfällt. Belege über Erfolg mit dieser Methode habe ich nicht gefunden.

Die Hyperthermie scheint bei ansonsten ausbehandelten Patienten Hoffnung auszulösen. Bitte aber unbedingt bedenken: Voraussetzung für eine Hyperthermie-Behandlung ist aber, dass der Körper des Patienten in einem guten Allgemeinzustand bzw. belastbar sein muss.

Die Hyperthermie wird aufgeteilt in

-die Ganzkörper-Hyperthermie (GHT),
-die Regionale Tiefen-Hyperthermie (RHT),
-die Oberflächen-Hyperthermie (OHT),
-die Perfussions-Hyperthermie (IPHT) und
-die Prostata-Hyperthermie (PHT)
- Magnet-Flüssigkeitshyperthermie

Regionale Tiefen-Hyperthermie
Nur der Tumor wird mittels angelegter Plattenelektroden oder mit Strahlung gezielt überwärmt, der Patient dabei insgesamt weniger belastet. Mit der Methode wird schon seit einigen Jahren vor allem außerhalb Deutschlands gearbeitet. Es gibt inzwischen verschiedene Studien, die den Erfolg der Hyperthermie belegen. So veröffentlichte die Zeitschrift Lancet – eine der wenigen pharmaunabhängigen Mediziner-Fachzeitschriften – eine Studie über Cervix-Karzinome (Gebärmutterhalskrebs), wobei man 115 Patientinnen nur mit Strahlentherapie und 115 mit Strahlentherapie und Hyperthermie behandelte. Das Ergebnis war nach drei Jahren eine Überlebensrate von 27 % bei den nur strahlenbehandelten Patientinnen und eine von 52 % bei den mit Strahlen und Hyperthermie behandelten Patientinnen. Mittlerweile gehört dem vernehmen nach die Hyperthermie zu den Standardverfahren beim Cervix-Karzinom.

Diverse Studien weltweit sollen auch eine Wirksamkeit bei rektalen Karzinomen, bei malignen Melanomen, bei Mamma-Karzinomen und bei Mamma-Redzidiven nachweisen. Derzeit befinden sich weit über 1000 Patienten in offiziellen Studien, um die Wirksamkeit der Hyperthermie auch in anderen Bereichen offiziell zu belegen.

Oberflächen-Hyperthermie
Die Oberflächen-Hyperthermie (OHT) wird vor allem bei Tumoren, die aus der Haut herauswachsen eingesetzt oder wenn die befallenen Stellen dicht unter der Haut liegen. Es werden Infrarotstrahlen lokal eingesetzt, und zwar wassergekühlte Infrarot-A-Strahlen, weil speziell diese Strahlen nur einige Zentimeter unter die Haut gehen, aber dennoch die gewünschten Temperaturen erzielen.

Ganzkörper-Hyperthermie
Erwärmt wird der ganze Körper. Dabei gibt es verschiedene Systeme, hauptsächlich aber setzt man auf Infrarotstrahlen, die unter die Haut gehen und im ganzen Körper Temperaturen von 38 bis 40, 5 bei der moderaten und 42 bis 44 Grad Celsius bei der hohen Ganzkörper-Hyperthermie erzielen.

Normalerweise wird der Patient durch milde Narkotika sediert bevor man mit der Therapie, die bei der hohen Ganzkörper-Hyperthermie 45 bis 60 Minuten dauert, beginnt. Die Anwärm- und Abkühlphase dauert jeweils ein bis zwei Stunden.

Bei der moderaten Ganzkörper-Hyperthermie werden nur Temperaturen von 39 bis 40 Grad erreicht, dafür dauert die Überwärmungsphase aber vier bis sechs Stunden.

Angewandt wird die Ganzkörper-Hyperthermie vor allem dann, wenn sich die beim Patienten eingesetzten Chemotherapeutika mit der Wärme potenzieren. Insgesamt aber ist die Ganzkörper-Hyperthermie sehr anstrengend.

Prostata-Hyperthermie
Die Prostata-Hyperthermie wird bei gut- und bösartigen Wucherungen der Vorsteherdrüse eingesetzt. Mit einem Katheder fährt man durch die Harnröhre und erzeugt in der Prostata Temperaturen zwischen 42 und 60 Grad. Vorteil der Behandlung ist, dass man Operationsfolgen wie Inkontinenz und Impotenz vermeiden kann.Da die erforderlichen Hitzegrade in den Randzonen der Drüse nicht immer erreichbar sind, eignet sich die Prostatahyperthermie mehr als Begleittherapie zur Tumorverkleinerung oder zur Linderung von Beschwerden. Selbst die abgeschwächte Behauptung: Möglich sei die Behandlung allerdings nur, wenn der Tumor noch in der Prostata lokalisiert ist, wird von Experten in Frage gestellt.

Perfussions-Hyperthermie
Für die Behandlung von Tumoren in Hohlräumen wie dem Bauchraum oder der Blase wurde die intraperitoneale Perfusions-Hyperthermie (IPHT) entwickelt. Der Unterleib wird mit einer 43° heißen Lösung durchspült, der Zytostatika beigegeben werden. Diffus zwischen Becken und Zwerchfell verstreut liegende Metastasen können so erfasst und behandelt werden. Die Behandlung kann bei einem Tumorbefall im Bauchraum, z. B. nach Erkrankungen des Darms, der Bauchspeicheldrüse oder der Unterleibsorgane, bei Aszites (tumorösen Wasseransammlungen) oder bei Blasentumoren hilfreich sein.

Magnet-Flüssigkeitshyperthermie
Das hat mit Nanotechnologie zu tun. Es werden magnetische Nanopartikel direkt in den Tumor gespritzt. Diese reichern sich nur in Tumorzellen, nicht jedoch in normalen Körperzellen an. Der Tumor kann dadurch mithilfe eines äußeren Magnetfeldes punktgenau angesteuert und erwärmt werden. Bisheriger Einsatz nur in Studien (Charité und Bundeswehrkrankenhaus Berlin).

Die Hyperthermie gehört noch nicht zu den Regelleistungen der Krankenkassen, wird allerdings von privaten Krankenkassen meist übernommen, bei den gesetzlichen Kassen ist dies noch unterschiedlich.

Weitere Infos unter www.hyperthermie.org

Ergänzung,
Textauszug aus meinem Mitschrieb von den Bad Salzausener Krebstagen 2005

3. Vortrag Dr. Herzog, Bad Salzhausen zur Ganzkörperhyperthermie GKHT

Ausgangspunkt sei eine Weisheit aus dem Altertum: Fieber heilt. Ganzkörperhyperthermie ist deshalb nach seinen Worten eine aktive Fiebertherapie. Der Körper wird in einer speziellen Einrichtung und unter Narkose in seiner Klinik auf 41,8 Grad Celsius erwärmt. Erwärmen auf 41,8 ist vergleichbar mit der Belastung des Körpers durch einen 10.000 m Lauf.

Ziel der GKHT ist die Verminderung der Tumorzellen, Verlängerung der (Über)Lebenszeit, Verbesserung der Lebensqualität.

Weitere Internetinfos unter: www.ah.de (Hyperthermiestudien)

Dr. Herzog: „Die alleinige GKHT ist ohne begleitende Chemotherapie nicht der Hit“ Sie sei wirksam beim Mammakarzinom um die Chemodosis zu reduzieren und beim PCa um die Resistenzen (Hormon und Chemo) zu durchbrechen.

„Die günstigsten Effekte erzielen wir durch niedrigdosierte Chemotherapie in Kombination mit der Ganzkörperhyperthermie. Deutlich wird das durch das erneute Ansprechen z.B. auf Platine.“ Jedoch einschränkend: „Problematisch ist und bleibt die Toxizität“. und „Nicht jeder Patient eignet sich für eine GKHT“!

Prof. Vogl, Frankfurt, betreibt mit GKHT z.Zt. eine Studie.

Beispiel einer Kombitherapie: Nach 6x GKHT und einer begleitenden Chemotherapie bestehend aus Carboplatin und Taxotere sank der PSA eines chemoresistenten Patienten wieder auf 0,5 ng/ml.

Dr. Herzog: „Die Kombinationsmethode heilt nicht, ist also nicht kurativ.“ Man spricht bei den Ergebnissen dieser Therapie von einem palliativen response.

Dr. Herzog hat 1600 Behandlungen durchgeführt und folgende Nebenwirkungen zumeist kurzfristiger Natur bei Anwendung der Hyperthermie festgestellt:

Ödeme zu 90%

Vorsicht: Überwärmung führt zu einer gesteigerten Durchblutung der Haut und des Unterhautgewebes und bewirkt dadurch eine vermehrte Lymphflüssigkeitsbildung und Ödemzunahme.
Herpeshitzebläschen zu 30% Oberflächenverbrennung (bei lokaler Hyperthermie) zu 5% sonstige Herz, Kreislaufschwächen, Lunge, Niere zu weniger als 1% Hinzu kommen die Nach-/Nebenwirkungen der Chemotherapie

Die GKK bezahlen GKHT nicht, einige Ersatzkasse jedoch, wenn stationäre Behandlung in erster Linie nicht der Hyperthermie gilt, sondern z.B. der Chemotherapie. Privatkassen bezahlen GKHT

Ergänzung

Auszug aus der Patienteninformation der Klinik Bad Trissl bei Oberaudorf:
Dr. Oliver Ott, Radiotherapeut an der Universitätsklinik Erlangen, setzt auf die Dreifach-Kombination von Strahlentherapie, Chemotherapie und Hyperthermie. "Krebszellen sind wärmeempfindlich. In überwärmte Tumorzellen können Krebsmedikamente besser eindringen und eine Strahlentherapie wird effektiver. Wir benutzen die Hyperthermie, um die Wirkung der beiden anderen Therapieformen zu verbessern", erklärte der Wissenschaftler auf der Tagung. Ott behandelt auf diese Weise ausschließlich Patienten, bei denen der Krebs noch keine Tochtergeschwülste (Metastasen) gebildet hat. Darum kann er nicht nur gute Ansprechraten, sondern auch tatsächliche Heilungen vorweisen. Große Erfahrung besitzen die Erlanger Strahlentherapeuten in der Behandlung des Harnblasenkrebses. Wo sonst die Urologen die befallene Blase einfach entfernen, gelingt es ihnen durch eine spezielle Kombination von Radio-, Chemo-und Überwärmungstherapie in vielen Fällen dieses wichtige Organ zu erhalten.

Und auf die Frage: Kann man mit der Überwärmung Krebskranke heilen? wurde geantwortet:

"Mit der Hyperthermie alleine wahrscheinlich nicht", so Dr. Weber aus der Klinik Bad Trissl, "doch in Kombination mit Strahlen- oder Chemotherapie gelingt es uns fast immer, Leiden zu lindern, Leben zu verlängern und die Lebensqualität zu erhöhen".

Ein Experte sagte jüngst zum Thema Hyperthermie:

Bei der Hyperthermie müssen zurverlässig Temperaturen über 45 Grad im Gewebe erzielt werden und das an allen Stellen im Gewebe, das den Tumor trägt. Ich kann für die Prostata sagen, dass diese Temeraturen nicht sicher erreicht werden und deshalb die Chancen auf Heilung durch eine alleinige Hyperthermie gering sind. Das früh erkannte Prostatakarzinom ist durch andere Verfahren jedoch in einem hohen Prozentsatz heilbar. Aus diesem Grund wendet man das unsichere Verfahren der Hyperthermie in diesem Stadium nicht an. Ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der Hyperthermie ist Prof. Wust.

In Deutschland sind mir die folgenden Hyperthermiezentren namentlich bekannt (bestimmt gibt es noch mehr!):

• Universität Berlin , Charité - Campus Virchow-Klinikum und Robert-Rössle-Klinik: Prof. Felix / Prof. Dr. Wust
• Universität Düsseldorf : Prof. Dr. Göbel / PD Dr. Wessalowski (einziges Hyperthermiezentrum in Deutschland, das ausschließlich Kinder behandelt)
• Universität Hamburg : Prof. Dr. Hossfeld / Prof. Dr. Hegewisch-Becker
• Universität Heidelberg : Prof. Dr. Debus
• Universität Erlangen : Prof. Dr. Sauer
• Universität Essen : Prof. Dr. Stuschke
• Universität Lübeck : Prof. Dr. Richter / PD Dr. Feyerabend / Dr. Bakhshandeh-Bath
• Universität München ; Klinikum Großhadern: Prof. Issels
• Universität München ; Klinikum Innenstadt: Prof. Dr. Sommer
• Universität Tübingen : Prof. Bamberg, Dr. Hehr

Weitere Informationen unter www.hyperthermie.org

Frage in einem Forum: Macht es Sinn, ein T3 Prostatakarzinom mit Gleason-Grad 8, PSA 18 per Hyperthermie zu behandeln anstelle einer Operation?

Antwort eines erfahrenen Spezialisten:
Hier liegt eine high-risk Konstellation vor mit einem hohen Risiko für eine Ausbreitung des Tumors ausserhalb der Prostata. Hier gibt es verschiedene Optionen: Operation, Brachytherapie (HDR/LDR) mit externer Bestrahlung oder aber bei älteren und sehr kranken Patienten die Hormonblockade.

Eine aktualisierte Übersicht (August 2010), wer, wo, welche Hyperthermiemethode anbietet ist HIER auf dieser Webseite aufgelistet.

letzte Aktualisierung im März 2008/Oktober 2010

Soweit keine Quelle angegeben ist, sind die Texte auszugsweise zusammengestellt von verschiedenen Internetquellen, dem BPS-Magazin und BPS-Forum (Mitteilungsorgan des Bundesverbandes Prostatakrebs Selbsthilfe e.V.), Werbeschriften und Dokumentationen von einschlägigen Unternehmen und Institutionen, eigenen Aufzeichnungen anläßlich von Besuchen auf urologischen Kongressen und Symposien, Seminaren und Auszüge von Referentenvorträgen vor unserer Selbsthilfegruppe in Bielefeld und anschließend weitgehend laienverständlich aufbereitet, soweit ich dazu als medizinischer Laie in der Lage bin.



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